Spaziergangswissenschaft

«Was wir in der Ferne sehen, nennen wir Landschaft. Der Begriff Landschaft ist eine Abstraktion, es erlaubt uns gewisse Dinge einfach zu ignorieren und andererseits heterogene Dinge unter ein Bild zu erfassen. Die Landschaft ist ein Trick unserer Wahrnehmung […].»

Lucius Burckhardt, Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft, Berlin 2006

Räumliche Wahrnehmung

«Räumliche Wahrnehmung ist kein gerichteter Prozess, kein stetiger, kein kontrollierbarer Prozess. Die Rolle des Vorwissens, der Erfahrung, der momentanen Verfasstheit, der Assoziations- und Reaktionsfähigkeit auf Auslöser – auch wo diese von Gestaltern absichtsvoll eingesetzt sind – verändert sich situativ. Die Empfänglichkeit für Wirkungen ist wechselhaft und ungesichert.»

Elisabeth Blum, Atmosphäre. Hypothesen zum Prozess der räumlichen Wahrnehmung, Baden 2010

Verirren

«Prantl geht früh aus dem Hotel und bleibt den Kongressveranstaltungen fern. Er würde sich gern verlaufen, die Landschaft ist aber so durchrastert, durchzogen von Wegen und Hinweisen auf Ausflugsziele, dass er den Rückweg viel zu leicht und zu schnell findet; er versucht dann, sich in einer anderen Richtung zu verirren.»

Aus: Libuse Moníková, Treibeis, München/Wien 1992

Landschaftsraum

«Auch die Natur ist also einbezogen in die menschliche Raumordnung. Auch die Landschaft ist kultiviert worden. Und wenn auch die Vorgegebenheit des Geländes und die Eigengesetzlichkeit des organischen Wachstums dem menschlichen Gestaltungswillen gewisse Grenzen setzen, so bleibt im Grunde doch auch hier dasselbe Ordnungsgefüge von Plätzen und Stellen erhalten, in dem ihm der Raum verständlich wird. Auch die Landschaft ist Kultur, ist menschlicher Arbeits- und Wohnraum geworden.»

Otto Friedrich Bollnow, Mensch und Raum, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1980

Kognitive Karten

Wenn wir uns in unserer räumlichen Umwelt bewegen, sammeln wir – bewusst und unbewusst – Informationen über diese. Diese Informationen werden in eine räumliche Vorstellung, in eine «kognitive Karte» übersetzt. Im Prozess des «kognitiven Kartierens» wird die Vorstellung stetig ergänzt und verfeinert. Markante Orte und herausragende Gebäude sind Schlüsselpunkte. Der Streckenplan der persönlich zurückgelegten Wege wird aufgrund von Erfahrung zu einem räumlichen Bezugsnetz verknüpft. Die Abbildung, die im Kopf entsteht, hat eine persönliche Ausprägung (je nachdem, welche Wege man häufig geht) und weist Verzerrungen und weisse Flecken auf. Die «kognitiven Karten» sind die Grundlage der Orientierung im Raum. Mit ihrer Hilfe lokalisieren wir unser Ziel und entscheiden, welchen Weg wir wählen. Auf dem Weg zum Ziel wird die Umwelt immer wieder gelesen und überprüft, ob man sich noch auf dem richtigen Weg befindet. Die Art der Fortbewegung hat einen grossen Einfluss auf das entstehende Bild. Den direktesten Kontakt mit der Umwelt bietet das Gehen. Hier kann die räumliche Abfolge und die Geschwindigkeit einer Erfahrung aktiv gesteuert werden. So entstehen sehr differenzierte «Karten».

Vgl.: Peter G. Richter (Hg.), Architekturpsychologie, Lengerich 2004

Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess

Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess. Der menschliche Körper filtert, speichert und verarbeitet die Reize, die durch seine Sinne von der Umwelt aufgenommen werden. Bewegung spielt dabei eine wichtige Rolle. Durch die Bewegung des menschlichen Körpers im Raum sind neue Perspektiven möglich und der Radius der Erkundung kann erweitert werden. Durch bewusste Aufmerksamkeit kann der Mensch die Wahrnehmung eines Ortes oder einer Situation steigern.

Hauptbewegung

«Die Hauptbewegung des Gehens besteht in der rhythmisch abwechselnden Bewegung der Beine. Ein Bein besorgt das Stützen und Abheben, während das andere freischwingend nach vorn geführt wird, um den vorfallenden Körper aufzufangen und demnächst zum Stützbein zu werden. Charakteristisch ist, dass der hintere Fuss den Boden erst dann verlässt, wenn der vordere ihn erreicht hat. Es besteht also in einer kleinen Zeitspanne ein ‚Doppelstütz‘. Die Fühlung der Unterlage geht (im Gegensatz zum Laufen) niemals völlig verloren. Der ganze Körper wird mitbewegt, der Schwerpunkt senkrecht gehoben und gesenkt, was im Auf und Ab des Kopfes besonders deutlich wird. Auch seitlich wird der Schwerpunkt zur Gleichgewichtserhaltung rhythmisch jeweils über das Standbein verlagert. Dazu kommen Drehungen des Rückens, die durch entgegengerichtete Schulterdrehungen mit entsprechendem Mitschwingen der Arme ausgeglichen werden.»

W. Thörner, Biologische Grundlagen der Leibeserziehung, Bonn 1959